Editorial




Die Kostenstelle

 

Liebe Leserinnen und Leser
Wussten Sie, dass Sie eine Kostenstelle sind? Nun, Sie werden nicht bestreiten können, dass allein Ihr irdisches Dasein Kosten verursacht. Denken Sie nur an die Benützung der Strassen, der öffentlichen Schulen, des öffentlichen Verkehrs, der Wasser- und Stromversorgung usw. Sie werden entgegenhalten, dass Sie ja auch eine Leistung erbringen bzw. Steuern und Abgaben bezahlen. Richtig ! Die Idee der sozialen Marktwirtschaft besteht ja darin, dass der Mensch ein Berufsleben lang arbeitet und mit Beiträgen für den erwerbslosen Lebensabschnitt vorsorgt. So weit so gut. Nun scheint dieses Gefüge zwischen Leistung und Kosten auseinander zubrechen. Die Ökonomen ermahnen uns, wir hätten zu lange über die Verhältnisse gelebt und müssten den Gürtel enger schnallen. Vermutlich haben sie recht, denn jeder Franken oder Euro, der ausgegeben wird, muss zuerst verdient werden.
Die Wirtschaftskapitäne haben aus dieser Binsenwahrheit gelernt. Sie haben damit begonnen, mit Firmenzusammenschlüssen (Fusionen) und mit der Auslagerung von Betriebsteilen in Billiglohnländer Personalkosten zu sparen bzw. die Gewinne zu optimieren. Um das Kostenbewusstsein zu fördern, verrechnen die Abteilungen ihre Leistungen gegenseitig. Diesen Vorgang nennt man "Interne Leistungsverrechnung".
Als Folge der Restrukturierung und Globalisierung gingen in den letzten Jahren Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren. Jene Mitarbeitende, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes keine neue Stelle finden und von der Arbeitslosenkasse ausgesteuert sind, landen beim Sozialamt. In Basel, so habe ich gelesen, lebt jede fünfzehnte Person von der Sozialhilfe. Da die Sozialämter aus Kostengründen unter akutem Personalmangel leiden, können sie die Hilfsbedürftigen nicht als Menschen, sondern müssen sie als Kostenstelle behandeln. Der Leistungsdruck jener Angestellten, die noch Arbeit haben, wird immer grösser, die Krankheitsraten steigen und die Invalidenversicherung hat ein Defizit in Milliardenhöhe. Die Verschuldung der Privathaushalte hat dramatische Ausmasse angenommen. Die Geburtenraten verharren auf tiefstem Niveau. In der Schweiz hat letztes Jahr jede Frau im Durchschnitt nur noch 1,37 Kinder geboren. Grund: Kinder sind ein Armutsrisiko. Die Folge ist eine Überalterung der Bevölkerung, was wiederum unsere Sozialwerke gefährdet. Paradoxerweise vergolden sich die Manager, wie immer wieder zu lesen ist, mit Schwindel erregenden Gehältern, von denen man weiss, dass keine Arbeitskraft sie je verdienen kann. Fazit: die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher. Die öffentliche Hand muss ebenfalls sparen. Bund, Kantone und Gemeinden legen immer neue Sparprogramme vor. Nun sollen wir bis 67 arbeiten, und in Deutschland denkt man laut darüber nach, wieder bis zu 50 Stunden in der Woche zu schuften. Das Problem: die Arbeit geht uns aus.
Nun, es gibt für die Lösung der komplexen Probleme keine Patentrezepte. Dafür bräuchte es vermutlich einen fundamentalen Umbau der Gesellschaft bzw. eine neue Weltordnung. Solche Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen, wenn man bedenkt, dass die französische Revolution über 200 Jahre zurückliegt. Bleibt die Frage, wie wir mit der Situation umgehen. Vielleicht sollten wir uns ein etwas dickeres Fell zulegen, etwas bescheidener werden und uns wieder vermehrt an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen, die meistens keine Kostenstelle haben.
Ich wünsche Ihnen jedenfalls viele freudvolle, unbeschwerte Sommer- und Urlaubstage, frei von Leistungs- und Kostendruck. Ein Gratistipp: spielen Sie Mundharmonika! Das ist von immateriellem Nutzen und lenkt von den Kosten ab.
Willi Siegenthaler