Editorial



Das absolute Musikgehör:

Gibt es das?
Liebe Leserinnen und Leser
Haben Sie das absolute Musikgehör? Wenn ja, beglückwünsche ich Sie dazu ganz herzlich. Sie gehören zu einer kleinen Gruppe Auserwählter, die nach landläufiger Meinung mit einer äusserst seltenen Begabung ausgestattet sind. Das absolute Musikgehör ist ein schwer erklärbares Phänomen und ruft immer wieder Spekulationen jeglicher Art hervor. Wer er besitzt, erntet Bewunderung und oft auch Neid.
Nun, bei näherer Betrachtung stellt sich schnell einmal die Frage, was denn unter dem absoluten Musikgehör überhaupt zu verstehen sei. Ist es angeboren oder erlernbar, oder gar beides? Ist es bei Leuten, die aktiv musizieren, stärker ausgeprägt als bei Nichtmusizierenden? Was heisst überhaupt "absolut"?
Bis heute ist nur eines klar: das Phänomen des absoluten Musikgehörs gibt auch der Wissenschaft Probleme auf, die grösstenteils noch ungelöst sind. Immerhin hat eine Studie der Universität Bern ein paar erstaunliche Erkenntnisse zutage gefördert. So gelang beispielsweise der Nachweis, dass Personen mit dem so genannten absoluten Musikgehör sehr kleine Tonunterschiede keineswegs besser erkennen können als Leute mit einem „normalen“ Musikgehör. Es wurde ausserdem festgestellt, dass unterschiedliche Klangfarben das präzise Erkennen von Tönen beeinflussen. Testpersonen haben die Höhe von Klavier-, Klarinetten-, Orgel-, Violin- oder Mundharmonika-Tönen je nach Instrument unterschiedlich eingeschätzt. Selbst Musiker, die als Absoluthörer gelten, vermögen gemäss der Studie richtig gestimmte Intervalle von falsch gestimmten nicht so gut zu unterscheiden, wie dies allgemein angenommen wird. Schliesslich wurde festgestellt, dass so genannte Absoluthörer einen vorgegebenen Ton nicht wesentlich länger im Gedächtnis behalten können als „Normalhörer“. Eine weitere Erkenntnis ist die, dass Personen, bei denen die Fähigkeit, Töne richtig zu erkennen, schwach ausgeprägt ist, fast ebenso selten sind wie jene, bei denen dieses Talent extrem stark ausgebildet ist.
Fazit der Studie: das absolute Gehör ist nicht das Privileg einer Minderheit. Bis zu einem gewissen Grad verfügt jeder Mensch über diese Fähigkeit.
Bleibt noch die Frage, wie diese Fähigkeit entsteht, ob sie angeboren oder erlernbar ist. Die Studie beantwortet diese Frage nicht eindeutig. Fest steht, dass das absolute Musikgehör nicht entweder vererbt oder erlernbar ist, sondern dass beide Elemente in schwer feststellbarer Weise zusammenwirken. Ein Zusammenhang zwischen der musikalischen Aktivität und der Fähigkeit, Töne richtig zu erkennen, wurde hingegen einwandfrei nachgewiesen. Dieses Faktum lässt jedoch verschiedene Interpretationen zu: die Leute können deshalb musikalisch aktiv sein, weil sie im vornherein über ein gutes absolutes Musikgehör verfügen, oder sie können umgekehrt deshalb ein gutes absolutes Musikgehör haben, weil sie musizieren.
Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser: die Chance, dass Sie über das absolute Musikgehör verfügen, ist durchaus intakt, und Sie dürfen sich darüber freuen.
Die Studie aus Bern bestätigt mir, dass wir diesem Thema eine zu grosse Bedeutung beimessen. Echte „Wunderkinder“ gibt es weltweit ohnehin nur ganz wenige. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns wieder vermehrt auf den ursprünglichen „Brennstoff“ unserer musikalischen Aktivitäten besinnen: die Freude. Weihnachten steht vor der Tür. Es ist die Zeit der feinen, subtilen, der warmen Töne. Auf den Strassen und Gassen der Städte und Dörfer, in Einkaufszentren, aber auch in unseren Wohnstuben, hören wir wieder die sanften, alt vertrauten Advents- und Weihnachtslieder. Das liebliche Klangbild der Mundharmonika passt hervorragend in diese besinnliche Zeit.
Und jetzt, da wir wissen, dass wir fast alle das absolute Musikgehör in uns tragen, erfüllt uns das eigene Musizieren mit doppelter Freude. Stimmt’s? Absolut!
Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe Festtage, gesegnete Weihnachten und einen Traumstart ins neue Jahr !
Willi Siegenthaler