Editorial




Im Dienste der Volksgesundheit
Liebe Leserinnen und Leser
Was tun Sie für Ihre Gesundheit? Nun, Sie werden wohl längst Ihren Lieblingssport entdeckt haben und pflegen diesen mehr oder weniger intensiv. Das Angebot ist riesig. Sie können joggen, biken, skaten, schwimmen, Tennis, Fussball, Hockey oder Volleyball spielen, und vieles andere mehr. Wer den Sport gerne mit Geselligkeit verbindet, findet diese im Dorfturnverein. Den Individualisten unter Ihnen bieten sich die unzähligen Fitness-Center an, die sich in den letzten Jahren wie Pilze ausgebreitet haben.
In der Tat erfreut sich der Breitensport grosser Beliebtheit, und er wird, was ebenfalls erfreulich ist, mit Sponsoring kräftig unterstützt. Auch den Behörden liegt die Volksgesundheit sehr am Herzen. Es gibt Kampagnen gegen Drogen, Aids und Jugendalkoholismus, und die Raucherinnen und Raucher werden zunehmend aus dem öffentlichen Raum verbannt. Sogar der Fettleibigkeit wird neuerdings kräftig zu Leibe gerückt. Die Fastfood-Ketten bieten den Light-Burger an, im Restaurant gibt’s den Fitness-Teller, gezuckerte Getränke sind verpönt, und die Vegi-Welle boomt.
Was wollen wir mehr? Wir sind ein Volk von kerngesunden Menschen. Oder etwa nicht? Na ja, wenn nur die explodierenden Gesundheitskosten nicht wären, und wenn doch nur für ein einziges Jahr die Krankenkassen-Prämien nicht steigen würden, und wenn doch wenigstens wieder über 50 Prozent der stellungspflichtigen jungen Männer für diensttauglich erklärt würden, und wenn doch nur der Lungenkrebs und die Herz / Kreislaufkrankheiten abnehmen würden!
Der Schweizer Innenminister hat jetzt Massnahmen ergriffen, zumindest gegen die horrenden Gesundheitskosten. In Zukunft werden die Naturheilmittel nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt, sondern nur noch die chemischen Präparate. Das ist aber nur der Anfang. Im Visier der Behörden stehen weitere Medizinalbereiche, so zum Beispiel die Psychotherapie. So, jetzt wissen wir’s: wir sollen nicht wegen jedem Bobo zum Arzt gehen, und wenn schon, dann soll uns dieser bitte die Heilmittel von Novartis und Roche verschreiben, und zwar das Original, nicht das Generika, denn schliesslich seien Contraschmerz, Ponstan und Voltaren wirksamer als Zeller’s Herz- und Nerventropfen oder Similisan-Tröpfli. Stimmt, und überhaupt, und das sage ich von mir aus, weil ich die Gedanken unseres Innenministers weiterspinne: die chemische Industrie ist bald der einzige Wirtschaftssektor, der noch in Schweizer Händen ist (ausser die Uhren von Herrn Hajek). Da wird sich doch wohl niemand an den 20 „Milliönli“ Jahresgehalt für Herrn Vasella stören, oder?
Ich freue mich jedenfalls auf die nächste Prämiensenkung, vor allem aber darauf, dass wir jetzt alle viel gesünder werden. Was aber tue ich, falls eines der Ereignisse, oder gar beide, nicht eintreffen sollten? Nun, ich tauche ab in meinen Hobbyraum und spiele eine Runde Mundharmonika. Mein Lieblingsstück heisst: „öppis Gfreut’s“. Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, jede Menge davon! Und nicht vergessen, Sport senkt die Gesundheitskosten!
Willi Siegenthaler