„Muulörgeler“ spielten für ihren Freund

Artikel Tages-Anzeiger, Rechtes Zürichseeufer

Martina Gyger, Feldmeilen

Zum Gedenken an Georges Stocker, den vor zehn Jahren verstorbenen Meilemer Musiker, spielten am Sonn­tag im Löwen seine Freunde gross auf.

 

Meilen. – Liebhaber der Mundharmonika-Musik erlebten am Sonntag im Gasthof zum Löwen einen musikalischen Hochgenuss. Freunde und Familienmitglieder des Mundharmonika-Virtuosen Georges Stocker, Mitglieder, Ehrenmitglieder und Sympathisanten des Vereins „Mundharmonika Schweiz“ der Einladung zur Matinee gefolgt. Der Organisator, Beat Zeder, ein guter Bekannter von Georges Stocker und selbst aktiver Muulörgler, hatte die Idee, des vor zehn Jahren überraschend im Alter von 60 Jahren verstorbenen Meilemer Musikers mit einem Konzert zu gedenken, und diese mit dem Einverständnis der Angehörigen umgesetzt. Der für 200 Personen gestuhlte Saal war gut gefüllt. Der Präsident von Mundharmonika Schweiz, Willi Siegenthaler, würdigte Georges Stocker für seine Strahlkraft als Musiker mit Leib und Seele und als Mensch, der es mit seiner Virtuosität und Geradlinigkeit zum Erfolg brachte.

Mehrere Mundharmonika-Gruppen und ein Solist, darunter viele damalige Weg­gefährten und Kollegen von Georges Stocker, traten abwechselnd auf. Den Auftakt machte die letzte Formation der damals legendären „Muulörgler vom Zürisee“, deren Mitbegründer und Mitglied Georges Stocker war.

Musikalisches Vorbild

Stocker war zunächst, von 1956 bis 1960, mit den „Fünf Meckies“ erfolgreich gewesen, bis sie sich wegen beruflicher Engagements auflösten. Zehn Jahre später gründete er dann eine neue Gruppe, die Anfang der Siebzigerjahre als „D’ Muulörgeler vom Zürichsee“ auftraten. Dank Auftritten in Sendungen des Schweizer Fernsehens sowie an öffentlichen und privaten Anlässen wurden sie für ihren „Zürisee-Sound“ weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt. 1986 löste sich Georges Stocker von der Gruppe los und machte als Alleinunterhalter weiter. Die Zürisee-Muulörgeler formierten sich einige Male neu, vor rund vier Jahren hörten sie aber ganz auf.

Peter Ender, einer seiner Nachfolger in der Gruppe, ist eigens aus Frankreich gekommen. „Georges war ein grosses Vorbild für mich, musikalisch wie menschlich. Ich wollte diesen Anlass auf keinen Fall verpassen“, sagt er. Wie er gedachten die Mitwirkenden auf der Bühne und Zuhörern im Saal George Stocker als musikalisches Talent, als Persönlichkeit und als Mensch. Anekdoten und Erinnerungen wurden ausgetauscht, ein paar Tränen verdrückt. Es überwog aber die Freude an der Musik und die Dankbarkeit für viele hinterlassene Kompositionen.

Die ganze Bandbreite an musikalischen Stilrichtungen - von Volksmusik, Schlagern und Evergreens mit Hühnerhaut-Effekt, über schmetternde Unterhaltungs- und Countrymusik bis zum Gospel - ist scheinbar aus diesem Instrument herauszuholen, und von allem war etwas dabei. Die Zuhörer waren begeistert vom Sound der „Schnoregyge“. Es war wie eine grosse Fangemeinde. „Wir finden die Musik wunderschön. Und man spürt einen Zusammenhalt“, fanden Judith und Fladi Müller aus Luzern. Auch die Akustik im Saal hat gestimmt. Die Qualität der Beschallung sei bei Mundharmonika nicht einfach, wie Beat Zeder erklärte.

Ein klassisches Nischeninstrument

Der Verein Mundharmonika Schweiz wurde 1967 als Schweizerische Mundharmonika- Interessengemeinschaft (SMI) und 1999 in den heutigen Vereinsnamen umbenannt. Er zählt rund 600 Mitglieder und Gönner. Rund 50 aktive Formationen gehören ihm an. Eine davon sind die „Räbhüsli-Mulörgeler“ aus Uerikon, die einzige am rechten Seeufer. „Wir spielen nebst Volksliedern auch Filmmusik, Klassik und Kirchenmusik“, sagt Priska Boxler aus Uetikon.

Das hohe Durchschnittsalter der Konzertbesucher legte die Frage nach dem Nachwuchs nahe. „Die Mundharmonika ist ein Nischeninstrument, das viele unterschätzen“, sagt Willi Siegenthaler. Es gebe zwar Mundharmonika-Schulen, doch brauche es viel Engagement, um gut spielen zu können. Da es heute ein Überangebot an Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gebe, Kinder und Jugendliche blieben zu wenig dran. Dies meint auch der 78-jährige Wilfried Müller, eines der Gründungsmitglieder von Mundharmonika Schweiz, der bis heute die Harmonetta spielt. Am Sonntag jedenfalls lebte die Mundharmonika-Musik von Georges Stocker und seinen Kollegen fulminant wieder auf.